Oded Wagenstein – Altern in der Tundra „Forgotten Like Last Year’s Snow“


Eine der für mich interessantesten Fotodokumentation der letzten Zeit ist jene von Oded Wagenstein.  Der Mann aus dem Mittleren Osten, der, wie er selbst sagt, kaum je in Regionen unterwegs war, in denen die Temperaturen in die Nähe des Nullpunktes wanderten, entschloss sich, an einen der kältesten, unwirtlichsten Orte der Welt zu gehen und dort eine Gemeinschaft von Frauen zu fotografieren, die ihr Lebensende isoliert und verlassen alleine in der Tundra verbringen.

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Diese Frauen waren einst Teil einer nomadischen Gemeinschaft und verbrachten ihr Leben damit, in den Weiten der Tundra gemeinsam mit ihren Familien und Tieren umherzuziehen. Wenn sie aber zu alt werden für diese Strapazen, so der Brauch, trennen sie sich von ihrer Gemeinschaft und verbringen ihr Leben fortan größtenteils in Isolation. Während die Männer, trotz hohen Alters, dazu ermutigt werden, innerhalb der nomadischen Gemeinschaft zu bleiben und ihre sozialen Rollen zu behalten, werden die Frauen oft geächtet und allein den Kämpfen des Alters überlassen. Mit dem überaus bewegenden Titel „Forgotten Like Last Year’s Snow“ greift Oded Wagenstein das Schicksal dieser Frauen in einer wunderschönen und gleichzeitig unglaublich melancholischen Art uns Weise auf.

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Über seine Herangehensweise an dieses bewegende Projekt schreibt der Fotograf auf seiner Website:

„Mit ihren Geschichten als Wegweiser dokumentierte ich die gleichen Räume, in denen sie einst unterwegs waren. Die Erinnerungen an die Vergangenheit, dargestellt durch die Bilder der Außenwelt, werden mit den Porträts der aktuellen Realität kombiniert. Mit dieser Arbeit versuchte ich, ihren Geschichten eine visuelle Darstellung zu geben. Eine Darstellung die bestehen bleiben könnte, auch wenn die Frauen selbst nicht mehr sind.“

Als Dokumentarfotograf untersucht Oded Wagenstein in einer Reihe von Fotoserien das Verhältnis von Altern, Sehnsucht und Erinnerung und legt dabei den Fokus auf ein Thema, das, finde ich, oft weitgehend ausgeklammert wird. Obwohl auch in Europa Alter eine immer gravierendere Rolle spielt, wird es eher wenig thematisiert.

In einem Interview mit dem Lensculture Magazin meint er, dass er sich mit Hilfe seiner Fotografie mit einem Thema konfrontiert, das ihm eigentlich Unbehagen bereitet.  Er beschäftigt sich mit Themen wie Altern, der Sehnsucht und Erinnerung. Wie geht es Menschen im hohen Alter? Was sind ihre Träume, ihre Ängste, Geschichten? Oded Wagenstein macht sich in seinen Fotoserien auf den Weg um die Welt, um Menschen im hohen Alter seine eigenen ungelösten Fragen zum Altern zu stellen.

Was meint ihr? Ist Alter ein Thema, mit dem sich die Gesellschaft, auch in Europa, genügend auseinandersetzt? Oder werden alte Menschen auch bei uns eher in die Position der Randfigur gedrängt?

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Fotos: Oded Wagenstein

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